SENS home

Aubrey de Grey Kontakt
Bio Publikationen Vorträge
Forschungsgelder Medien

SENS Initiativen
Warum alle beide: Forschungspreis und Institut?
Wie Sie mithelfen können
Preis Journal Institut

SENS Kummerkasten
Überbevölkerung! Nur für Reiche!
Unsterbliche Tyrannen! Gott spielen!
Prioritäten setzen! Und anderes...

Andere SENS Fragen
Wie viel länger, ab wann?
Warum sollte ich das glauben?
Wie kann ich mithelfen?
Warum "SENS"? Und andere...

SENS Besprechungen
Besprechungen 1 2 3 4
Konferenzen 1 2

SENS Zielgebiete
Technologien um SENS in unsere Körper zu bringen
Zellen Zu wenige
Zu viele
Mutationen Zellkern Mitochondrien
Aggregate In den Zellen
Ausserhalb
Kreuzreaktions-produkte Ausserhalb
Warum nur diese sieben?

Zugehörige Infos
Aufsätze Websites Allgemeine links

Der Begriff ist ja wohl ein wenig holprig, oder etwa nicht?

"Engineered Negligible Senescence" kann übersetzt werden als "Die Seneszenz vernachlässigbar machen". Ja, ich weiss -- das hat 11 Silben und ist nicht der einprägsamste, und auch nicht der selbsterklärenste Begriff der Welt. Aber es ist ein guter Name für unser letztendliches Ziel und, seien Sie mal ehrlich, SENS ist ein einprägsames Akronym. (SENS ist phonetisch identisch mit dem englischen "sense" = Sinn.) Also gut, ich erkläre es Ihnen. Ich fürchte bloß, die Erklärung ist etwas weitschweifig, aber glauben Sie mir: Sie ist lesenswert.

Formulieren wir als erstes ein präzises Ziel: Das Ziel ist es, der gesamten menschlichen Art eine Technologie zur Verfügung zu stellen, mit der wir unser biologisches Alter nach belieben einstellen können, und diesen Zustand beliebig lange halten können. Das ist etwas mehr als einfach "ein Alterungsheilmittel". Es bedeutet, dass das Heilmittel auch für jedermann verfügbar ist, der es will. Natürlich sollte es einen Preis haben, den sich die Leute auch leisten können.

Aber was bedeutet denn "biologisches Alter"? Ich glaube nicht, dass sich viele 70-jährige Therapien unterziehen wollen, die ihnen alles Wissen nehmen würden, dass sie in ihrer zweiten Lebenshälfte angesammelt haben, oder die ihnen den Musikgeschmack einer jüngeren Generation verpassen würden. Nein -- "biologisches Alter" kann nur bedeuten: Körperliche Fitness und Belastbarkeit.

Und schon kommen wir in Schwierigkeiten. Wir erkennen das Altern zwar, wenn wir es sehen, aber es ist in der Tat sehr schwer zu messen.... bis es vorbei ist jedenfalls. Es ist nicht schwer, einen Toten von einem Lebenden zu unterscheiden. Dagegen ist es sehr schwer, abzuschätzen ob eine Person noch 10 Jahre, oder noch 20 Jahre zu leben hat (Das heisst verlässlich abzuschätzen -- Nicht nur mit 70% Genauigkeit). Wir haben nur ein ziemlich ungenaues Maß, um abzuschätzen wie lange jemand noch zu leben hat. Dieses Maß ist die Zeit, die er schon gelebt hat. Wir haben noch kein merklich besseres Maß gefunden, obwohl sich die Wissenschaftler sehr angestrengt haben.

Aber es ist nicht ganz so vertrackt, wie Sie jetzt vielleicht glauben. Wir können ganz eindeutig sagen, dass wir letztlich am Verlust der körperlichen Fitness und Belastbarkeit sterben. (Jedenfalls diejenigen von uns, die nicht an Mord und dergleichen sterben) Durch den Verlust von Fitness und Belastbarkeit werden wir anfällig für Krankheiten, mit denen wir in der Jugend leicht fertig werden, wie zum Beispiel Grippe. Wir werden uns leichter die Knochen brechen wenn wir hinfallen, und die Knochenbrüche heilen schlechter. Dadurch müssen wir wiederum aufhören, unsere Fitness zu trainieren und werden noch anfälliger für Krankheiten. Unsere Reaktionen werden langsamer, so dass wir uns nicht mehr abfangen können, wenn wir auf der Treppe ausrutschen. Dadurch fallen wir wiederum öfter, usw, usf. Das Altern und das Sterben sind also enger miteinander verbunden, als es auf den ersten Blick aussehen könnte. Belastbare und fitte Menschen werden wahrscheinlich nicht so bald sterben, wie gebrechliche.

Das hat zweierlei Konsequenzen. Eine ist folgende: Das erklärte Ziel vieler Biogerontologen (die es eigentlich besser wissen sollten) ist vollkommen widersprüchlich. Sie nennen ihr letzliches Ziel "Komprimierung der Gebrechlichkeit". Das bedeutet eine Verkürzung des Zeitraums, den Menschen in einem gebrechlichen Zustand verbringen, bevor sie sterben. Die Idee dahinter ist, dass wir nicht versuchen dürfen, die gesamte Lebensspanne zu verlängern, sondern nur die Lebensspanne in guter Gesundheit ("Gesundheitsspanne"). Diese beiden Ziele gleichzeitig kann man nicht erreichen, ausser man schränkt für Krankheiten, an denen wir normalerweise plötzlich sterben, so wie Herzinfarkt, die medizinische Versorgung ein. Dadurch würden weniger Leute an langsamen, quälenden Krankheiten sterben, so wie Krebs. Es ist wohl keine Überraschung dass die Gesellschaft mit dieser Strategie nicht ganz einverstanden zu sein scheint -- So wie mit keiner Strategie, die die gesamte menschliche Lebenserwartung  verkürzt.

Die zweite Konsequenz der engen biologischen Verbindung zwischen Altern und des Sterben ist die Möglichkeit, unseren Erfolg im Kampf gegen das Altern zu messen, indem wir die Todesraten messen. Jetzt komme ich (endlich!) dazu, die Grundlagen des Begriffs "Die Seneszenz vernachlässigbar machen" zu erklären.

Fangen wir am Anfang an, mit "Seneszenz". Diesen Begriff haben viele Biogerontologen schon lange Zeit benutzt. Sie meinen damit, informell, den mit der Zeit fortschreitenden Verlust körperlicher Belastbarkeit. Aber wegen der Verbindung zwischen Altern und Tod konnte "Seneszenz" auch formell, mathematisch definiert werden: Die mit der Zeit fortschreitende Erhöhung der Wahrscheinlichkeit eines Organismus, zu sterben. Das kann man messen. Man kann es nicht an einem einzelnen Individuum messen, weil ein solches ja nur einmal stirbt und das würde nicht viel Information darüber hergeben, wie wahrscheinlich das denn war. (Oder in der Tat wie wahrscheinlich es später sein würde, wenn es nicht gestorben wäre.) Wenn wir uns dagegen eine Population von Menschen oder Organismen anschauen, haben wir eine Menge Information: Das Alter eines jeden Individuums. Das können wir verwenden, um die Sterbenswahrscheinlichkeit abzuschätzen. Und wir können es verwenden, um die Sterbenswahrscheinlichkeit mit anderen Merkmalen der Individuen in Beziehung zu setzen, wie zum Beispiel die Art ihrer Nahrung, ihr Geschlecht -- oder ihr Alter. Das haben die Gerontologen gemacht: Sie haben den Begriff "Seneszenz" definiert als positive Korrelation zwischen Alter und Sterbenswahrscheinlichkeit. 

Hier ist ein Vergleich mit der Radioaktivität praktisch. Wir können die Halbwertszeit eines Isotops messen und sehr sehr präzise angeben. Das machen wir, indem wir die Verteilung der Zerfälle ("Todesfälle") einzelner Atome in einer Probe des Isotops bestimmen. Die Halbwertszeit bleibt immer gleich. Obwohl die ganze Zeit über Atome zerfallen, hat jedes einzelne Atom immer genau die gleiche Wahrscheinlichkeit, in der nächsten Stunde (oder Sekunde, oder Jahr -- die Zeiteinheit spielt keine Rolle) zu zerfallen. Sie bleibt die ganze Zeit über genau gleich, bis das Atom wirklich zerfällt. In der Sprache der Biogerontologie sind solche Atome zwar sterblich, zeigen aber keine Seneszenz. Menschen dagegen zeigen Seneszenz, weil die Wahrscheinlichkeit eines 70-jährigen, innerhalb des folgenden Jahres zu sterben größer ist, als die eines 60-jährigen.

Aber einen Augenblick mal -- woher wissen wir denn genau, dass radioaktive Atome keine Seneszenz zeigen? Immerhin gibt es nur eine endliche Zahl von Atomen in der Probe, deren Zerfall wir messen -- eine sehr große Zahl, aber sie ist trotzdem endlich. Wenn sie also nur ein ganz klein wenig Seneszenz zeigten, d.h. wenn ihre Halbwerszeit sehr, sehr langsam kürzer würde, dann wären wir garnicht in der Lage festzustellen, dass dies passiert. Innerhalb der Zeitspanne, während der wir unsere Messungen vornehmen wäre die Beschleunigung der Atomzerfälle so klein, dass wir sie nicht mehr statistisch nachweisen könnten. Wenn wir von einer begrenzten Zahl von Ereignissen sprechen, können wir nur dann zuverlässige Aussagen machen, wenn wir über Bereiche sprechen, in die unsere Messung wahrscheinlich fällt. Wir könnten also nur sagen, dass der Bereich der möglichen Zerfallsraten sehr nahe bei null ist, und null auch mit einschließt.

Im Falle der Radioaktivität ist das nicht interessant, weil die Zahl der betrachteten Atome normalerweise so riesig ist, dass wir für alle praktischen Überlegungen die Möglichkeit vernachlässigen können, dass die Halbwertszeiten kürzer werden. In der Gerontologie dagegen ist diese Möglichkeit sehr wichtig, weil die Zahl der Menschen (oder Tiere) deren Alter und Todesfälle wir verfolgen können relativ begrenzt ist. Vor einiger Zeit hat der sehr berühmte und innovative Gerontologe Caleb Finch das erkannt. Er prägte den Begriff "Vernachlässigbare Seneszenz", was bedeuten soll "Seneszenz, die so gering ist, dass wir sie statistisch nicht von null Seneszenz unterscheiden können, bei der Zahl von Messungen, die uns gerade zur Verfügung steht." Das schließt natürlich null Seneszenz mit ein -- keinerlei Korrelation zwischen Alter und Wahrscheinlichkeit zu sterben. Der Begriff will lediglich dem erkenntnistheoretischen Umstand Rechnung tragen, dass wir niemals mit Sicherheit beweisen können, dass ein Organismus genau null Seneszenz zeigt, selbst wenn wir einen solchen finden. (Viele Biogerontologen glauben, dass einige Organismen, sogar einige sehr primitive Tiere, null Seneszenz zeigen, aber sie können es nicht beweisen. Das hat Finch ausgesprochen.)

Die Biogerontologen mögen den Begriff "Vernachlässigbare Seneszenz" aus genau diesem Grund: Als Wissenschaftler sagen sie gerne genau soviel wie sie wissen, und nicht mehr als das. Das bedeutet natürlich auch, dass sie sofort genau wissen was mit "Die Seneszenz vernachlässigbar machen" gemeint ist: Biotechnologische Eingriffe, die eine Popoluation mit nachweisbarer Seneszenz (natürlich Menschen) in eine mit nicht nachweisbarer Seneszenz verwandeln.

Deswegen habe ich also für das was ich hier gerne mit entwickeln würde den Begriff "Die Seneszenz vernachlässigbar machen" (engl. "engineered negligible senescence", ENS) gewählt und deshalb  nenne ich meine Arbeit am besten Strategien für ENS, oder SENS. Immerhin bin ich selber ein Biogerontologe! Vergessen wir folgendes nicht: Ich glaube, dass meine mit-Biogerontologen meine wichtigsten Zuhörer sind, weil sie letztlich bestimmen können, welche Forschungen durchgeführt werden, wie ich hier erkläre. Wenn jeder Experte in der Biologie des Alterns mit mir übereinstimmen würde, dass ENS absehbar ist, dann wäre ich praktisch arbeitslos: Die Öffentliche Meinung würde den Wissenschaftlern folgen (wie sie es immer tut), und die Forschung und Entwicklung würde ohne jegliche finanzielle Hindernisse mit maximaler Geschwindigkeit fortschreiten. Ich benutze also diesen Begriff, der zugegebenermaßen ein ziemlicher Zungenbrecher ist, weil ihn meine Kollegen aus der Biogerontologie schnell verstehen, und mit ihm vertraut sind. 

Probleme mit, oder Fragen zu dieser Website? Kontaktieren Sie Dr. de Grey  (Bitte auf Englisch)