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Intrazellulärer Müll, und wie man ihn los wird
Unsere Zellen haben eine Menge guter Gründe, große
Moleküle in ihre Bestandteile zu zerlegen, und ebensoviele Techniken, das zu
machen. Sie tun es hauptsächlich, um Sachen abzubauen, die sich chemisch
verändert haben, so dass sie nicht mehr richtig funktionieren. Leider
entstehen durch diese chemischen Veränderungen manchmal auch sehr
merkwürdige Strukturen, mit denen keines der zellulären Abbauprogramme
etwas anfangen kann. Das ist sehr selten, aber über lange Zeiträume können
sich solche Produkte anhäufen. Sie häufen sich in den Lysosomen an. Das
sind spezielle Kompartimente, die die leistungsfähigste Abbaumaschinerie
der Zelle enthalten. Dinge, die nicht einmal im Lysosom abgebaut werden
können, bleiben einfach für immer dort. In Zellen, die sich regelmäßig
teilen, ist das egal, weil sie dadurch den Müll immer weiter verteilen.
Dagegen werden Zellen, die sich nicht teilen, nach und nach mit diesem
Zeug vollgefüllt. Es ist verschiedenes Zeug in verschiedenen Zelltypen.
Vorallem leiden darunter das Herz, die Innenwand des Auges, einige
Nervenzellen (vor allem Motorneuronen) und am allermeisten die weißen
Blutkörperchen. Irgendwann
machen es diese Zellen nicht mehr mit, und stellen ihre normale Funktion
ein. Weiße Blutkörperchen können dadurch in der Aterienwandung
feststecken. Das ist die einzige Ursache der Ateriosklerose (die Bildung von
Klumpen, oder Plaques in der Aterienwandung, die dadurch irgendwann platzt
und einen Herzinfarkt oder Gehirnschlag verursacht). Das Phänomen ist ebenfalls an
einigen Arten von Neurodegeneration und der Degeneration der Augenhorhaut
(die Hauptursache von Altersblindheit) beteiligt. Es ist also sehr
wichtig, es in den Griff zu bekommen. [Anmerkung: Bei der
Neurodegeneration bilden sich die meisten Aggregate normalerweise nicht im
Lysosom, sondern anderswo. Aber es gibt ziemlich gute Hinweise darauf, dass
dies eine Notfallmaßnahme der Zelle darstellt, wenn sich in den Lysosomen kleinere
Mengen von Giftstoffen anhäufen und die Lysosomen dadurch funktionsuntüchtig
werden. Wenn wir also das Lysosom reparieren, dann sollten die
nichtlysosomalen Aggregate von allein verschwinden.] Also,
was unternehmen wir dagegen? Meiner Ansicht nach ist der vielversprechenste Ansatz
folgender: Wir müssen es den Zellen ermöglichen, den Müll in situ abzubauen,
so dass er sich garnicht erst anhäuft. Das können wir erreichen,
indem wir die mit Zellen extra Enzymen ausstatten, die die entsprechenden
Materialien abbauen können. Solche Enzyme sucht man natürlicherweise in
Bakterien und Pilzen im Erdboden. Der Grund dafür ist, dass sich die
Aggregate nicht im Erdboden anreichern, oder auf Friedhöfen, wo menschliche
Körper verwesen. (Obwohl Säuger sie nicht abbauen können). Vorläufige
Arbeiten in meiner Abteilung in Cambridge haben diesen Optimismus bereits
bestätigt. Das Konzept ist eine logische Erweiterung der Enzymersatztherapie
für Patienten, denen ein natürliches lysosomales Enzym fehlt. Das wird
bereits jetzt gemacht. Solche Enzymmängel verursachen Lysosomenspeicherkrankheiten,
wie z.B. Gaucher's Krankheit. Oft ist der Ersatz
des Gens für das Enzym eine effektive Therapie. Die Gentherapie steckt noch in den
Kinderschuhen, und ihre Schwierigkeiten dürfen nicht unterschätzt werden.
Aber der Fortschritt ist beständig. Es wird eine Weile brauchen, Enzyme zu
identifizieren, die lysosomale Ablagerungen abbauen können und sie in Mäusen
erfolgreich einzusetzen. Womöglich ist es nicht übermäßig optimistisch wenn
ich vorhersage, dass bis dahin die Gentherapie so weit sein wird, dass wir die Enzyme im Menschen einsetzen können.
Sehr wichtig ist ausserdem der Umstand, dass diese
Technologie auch ohne Gentherapie auskommen kann, weil eigentlich
nur die Makrophagen die mikrobiellen Gene bekommen müssen. Das sind weiße
Blutkörperchen, die im Knochenmark gebildet werden. Wir können also die
nötigen Veränderungen in den Blutstammzellen im Labor vornehmen.
Dann würden sie den Patienten als Knochenmarkstransplantat zugeführt
werden. Das ist viel, viel leichter als durch Gentherapie. Wir
brauchen viel mehr Arbeiten für dieses Projekt. Es wird eine Weile brauchen,
die richtigen Enzyme in den Mikroorganismen im Erdboden zu finden, und dann
diejenigen zu identifizieren, die gut in Säugerzellen funktionieren und die
nicht toxisch sind. Dann müssen wir sie noch so modifizieren, dass die Zelle
sie in das Lysosom aufnimmt, und so weiter. Dieses Projekt ist hochgradig
"parallelisierbar". D.h. wenn viele Labors daran arbeiten wird es schneller
Erfolg haben. Die Begeisterung für diese Idee wächst, wie man am Umfang der vierten SENS Besprechung
sehen kann, die ich im July 2004 zu diesem Thema abhielt.
Vorträge zu diesem Thema auf der IABG 10: Archer
Aubrey de
Grey's Publikationen zu diesem Thema |